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Kneippheilbäder und Kneippkurorte

© Günter Havlena / pixelio.de
Kneippheilbäder und Kneippkurorte
von Leuchtgens/Kleinschmidt
 

Grundlagen des Kneippschen Konzepts

Bei der Kneipptherapie kann man grundsätzlich unterscheiden in Therapieschwerpunkte, bei denen der Patient behandelt wird, und in Therapievorgaben, die der Patient – mit mehr oder weniger persönlicher Führung – letztlich in Eigenverantwortung erfüllt.
 
Bei Kneippkuren kommen die fünf so genannten Kneippschen Therapiesäulen zur Geltung:
1. Ordnungstherapie
 Der Seelsorger Kneipp hatte schon berufsbedingt damit zu tun, seinen Gemeindemitgliedern Fragen der Lebensgestaltung, der Sinnfindung und der Einordnung in vorgegebene Abläufe zu beantworten und Lebenshilfe zu geben. Zusammen mit seiner guten Beobachtungsgabe und seinen Interpretationen zur Entstehung von gesundheitlichen Störungen ist daraus sein Buch „so sollt ihr leben“ entstanden. Heutzutage lassen sich die darin dargestellten Zusammenhänge als Psychohygiene und Erziehung zu einer insgesamt natürlichen Lebensordnung unter Berücksichtigung psychosomatischer, ökologischer und soziologischer Zusammenhänge bezeichnen. Die Ordnungstherapie ist eine Anleitung mit dem Ziele verbesserter Gesundheit, d. h. einer hinreichenden psychischen und physischen Belastungsfähigkeit.
 
2. Thermo-Hydro-Therapie
Basierend auf Eigenerlebnissen mit Tauchbädern in der kalten Donau, die noch reizintensiver sind als die Übergießungsverfahren etwa nach Prießnitz, hat sich Kneipp in der Folgezeit von solchen überfallartigen thermischen Reizen distanziert. Er erprobte im Laufe seiner Erfahrungen seine einschleichenden „Soft“-Anwendungen, die er schließlich im Buch „Meine Wasserkur“ zusammengestellt hat. Schon zu Lebzeiten Kneipp’s wurde so eine hochdifferenzierte spezielle Hydrotherapie im Sinne eines abgestuften, d. h. individuell an die Konstitution und Disposition des Patienten angepassten Reiz-Reaktions-Verfahrens, entwickelt. Hierbei war und ist das Wasser Mittler von thermischen und mechanischen Reizen auf den Organismus mit nachfolgenden therapeutisch erwünschten Reaktionen. Es gibt heute über 120 unterschiedliche Kneippsche Hydrotherapie-Anwendungen.

3. Bewegungstherapie
Ursprünglich wurde von Sebastian Kneipp die Bewegungstherapie nur als natürliche Erwärmungsmethode des Gewebes zur Vorbereitung auf die nachfolgende Wassertherapie eingeführt, was eine Beschränkung auf kurze Distanzen zum Gießraum erforderte. In praktisch allen Heilbädern und Kurorten, so auch in Kneippheilbädern und Kneippkurorten, werden zwischenzeitlich aber auch sonstige Bewegungstherapieformen angeboten wie Sportgymnastik, Heilgymnastik, Wandern, Terrainkuren, Bewegungsparcour, Rad fahren, Schwimmen, Bewegungsbäder, Gehtraining, Jogging bis hin zum Nordic Walking und Mountain Bycing. Sie sollen dem ungesunden Bewegungsmangel des modernen Menschen entgegenwirken. Die ursprüngliche Kneippsche Bewegungstherapie mit Holzhacken und Gymnastikübungen ist so zu einer umfassenden aktiven und passiven Bewegungstherapie mutiert.
 
4. Ernährungstherapie
Zu der ordnungstherapeutischen Hinführung zu einem gesundheitsbewussten Tagesablauf gehört auch eine ausgewogene Ernährungstherapie im Sinne einer naturgerechten Vollwertkost, die entsprechende Vollkornprodukte, Frischkostbeilagen, Milchprodukte, Vitamine, Mineralsalze, Fermente und Spurenelemente berücksichtigt und alle denaturierten Nahrungsmittel und Genussgifte weitgehend ausschaltet. Sie kann als Grundform für zwischenzeitlich entwickelte spezielle Ernährungsformen (Krankendiät, Reduktions- und Schonkost) angesehen werden, die auf die weitverbreiteten Risikofaktoren einer kalorienreichen Mangelernährung abgestellt sind.
 
5. Phytotherapie
Sebastian Kneipp war kein Apotheker, sondern ein aufmerksamer Zuhörer, der insbesondere die bäuerlichen Hausmittel von beruhigend oder anregend wirkenden, entwässernden oder verdauungsfördernden Kräutertees aufgenommen und niedergeschrieben hat. Hieraus ist die pflanzliche Wirkstoffnutzung (Phytotherapie) entstanden, die heutzutage im Sinne der Verwendung von überprüften Heilmitteln auf pflanzlicher Basis vielfältig dokumentiert ist und neben der Allopathie, in der auch synthetisch hergestellte Wirkstoffe zum Einsatz kommen, als sinnvolle Arzneitherapie chronischer Beschwerden ihren Platz hat.

Heilanzeigen der Kneippheilbäder und Kneippkurorte

Entsprechend den vorgenannten Therapiesäulen stehen bei den Indikationen an erster Stelle:
 
  1. Herz- und Gefäßerkrankungen funktioneller und nicht entzündlicher organischer Natur mit Ausnahme stärkerer Ruhe-Dekompensationserscheinungen, Herzinfarktnachbehandlung, Blutdruckanomalien, Arteriosklerosen, Venenerkrankungen und postthrombotische Zustände.
  2. Vegetativ-nervale Funktionsstörungen, psychovegetative Syndrome, psychosomatische Versagenszustände. Unterstützende Behandlung bei psychischen und und neurologischen Erkrankungen.
  3. Abhärtung und allgemeine Leistungssteigerung, Vorsorgekuren bei Erkältungsanfälligkeit, vorzeitige Verbrauchs- und Alterungserscheinungen.
  4. Organische und funktionelle Störungen und Restinsuffizienzen der Verdauungsorgane (Magen, Darm, Leber, Gallenblase, insbesondere chronische Obstipation).
  5. Stoffwechselleiden (unterstützende Behandlung bei Diabetes mellitus und Fettsucht).

    Nachdem die Begriffbestimmungen des Deutschen Heilbäderverbands bei den Kneippheilbädern und Kneippkurorten hinsichtlich der klimatischen Bedingungen auch weitgehend die Bedingungen von Heilklimatischen Kurorten und damit die dort unverzichtbaren Terrainkurwege vorschreiben, gehören noch weitere Indikationen zu den Heilanzeigen

  6. Chronische Atemwegserkrankungen.
  7. Erkrankungen der Bewegungsorgane (nichtentzündlicher Gelenk- und Muskelrheumatismus, Arthrosen und Wirbelsäulensyndrome).
  8. Postoperative Zustände aus den Bereichen der Chirurgie, Orthopädie, Gynäkologie.
 
Gegenanzeigen: Alle Zustände, die eine besondere Klinik-, Krankenhaus- oder Isolierbehandlung notwendig machen oder bei denen keine körpereigenen Regulationen ausgelöst werden können.
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